Eine literarische Reise
    

„Gibt es eine schönere Art, das 20-jährige Jubiläum einer Buchhandlung zu feiern, als mit einer literarischen Reise nach Italien?“, so fragten sich Martin und Ulrike Lösch und arbeiteten zusammen mit Ursula Wilfing eine Route und ein Programm aus, das interessierte und unternehmungslustige Leser in die Campagnia locken sollte. Waren sie von Homers unsterblichen Versen „Singe mir, Muse, von dem Manne der, vom Schicksal verbannt, zu Laviniums Küste nach Italien kam....“ oder von Goethes lapidaren Worten „Nach Italien also!“ inspiriert ? Jedenfalls machten sich am 15. März 2008 sechsundzwanzig Literaturbegeisterte und Reiselustige mit offenen Augen und Ohren auf den Weg, ausgestattet mit gutem Schuhwerk, einigem Proviant für die lange Fahrt und einer Kiste voll mit Lese- und Hör-Büchern, um zu erkunden, was dieser von so vielen Literaten bereiste Landstrich uns heute zu sagen haben könnte.

In einem der bewährten Pickel-Busse brachte uns Werner Britting in eineinhalb Tagen nach St. Agnello bei Sorrent ins rundum angenehme Hotel „Alpha“. Schon unterwegs wurden wir durch die kurzweilige Geschichte „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ von Jan Weiler mit der Welt des liebenswürdigen kleinen Gauners Antonio und somit mit einer sehr speziellen italienischen Mentalität vertraut gemacht. Auch die Reportagen von Franca Magnani führten uns mitten hinein ins italienische Leben der Nachkriegszeit. Manches daraus kam uns älteren Reiseteilnehmern recht vertraut vor. Johann Gottfried Seumes Buch „Spaziergang nach Syrakus“ jedoch machte uns bewusst, dass unsere Art des Unterwegs-Seins sich von der des 18. Jahrhunderts erheblich unterscheidet. Sie kam uns im Vergleich dazu als der pure Luxus vor. Und auch in unserem Hotel wurden wir weder von Räubern noch von Mördern noch von allerlei Ungeziefer erschreckt, wie es Seume widerfuhr, sondern von einem liebenswürdigen Personal täglich gut versorgt.

Neapel ! Die vielgerühmte Schönheit unter den Städten. Sie lässt wohl niemanden kalt. Auf der einen Seite: was für eine Fülle historischer Zeugnisse, die vielfältige Bilder längst vergangener Epochen in uns heraufbeschwören: die Sagenwelt um Odysseus, die Zeit der antiken griechischen Besiedlung, das Aufblühen Neapels als mittelalterliche Hafenstadt und Zentrum verschiedener europäischer Herrscherhäuser. Die unschätzbaren Funde aus der Umgebung, die im Archäologischen Nationalmuseum versammelt sind, geben uns einen Eindruck von der Bedeutung, die diese Stadt einmal hatte. Auf der anderen Seite wurde sie jedoch in neuerer Zeit berüchtigtes Wirkungsfeld der Camorra, wo Raub, Mord, Korruption und Menschenverachtung allgegenwärtig sind. Und in den letzten Monaten kam sie in die Schlagzeilen der internationalen Presse wegen der zum Himmel schreienden Müllberge. Davon bekommt der Tourist jedoch kaum etwas zu sehen. Im Gegenteil: wenn man vom Posilippo aus über die im Halbrund um den Golf geschmiegte, vom Licht übergossene Stadt schaut glaubt man, es gäbe das alles gar nicht. Wir sind bei unserem Spaziergang durch die Altstadt nicht beklaut und nicht betrogen worden, wir haben ein wenig vom heftig pulsierenden Alltagsleben und vom Temperament der Neapolitaner erfahren. Wir haben gesehen, wie man sich mit dem mörderischen Autoverkehr arrangiert, wie man Wege findet, ein wenig Menschlichkeit in die oft katastrophalen Lebensbedingungen zu bringen und wie man mit viel Schlauheit und Phantasie jeden Tag aufs Neue versucht, zu überleben.

Den Vesuv haben wir zunächst nur von dichten Wolken verhüllt gesehen. Trotzdem sind wir hinaufgefahren. Und wenn Ingeborg Bachmann dort einst schrieb: „Es ist Feuer unter der Erde, und das Feuer ist rein,.... es ist ein Strom unter der Erde, der strömt in uns ein...“, so fanden wir es eher „seltsam, im Nebel zu wandern, einsam ist jeder Busch und Stein.....“. Erst am letzten Tag, von Pompeji aus, zeigte er sich uns in seiner ganzen majestätischen Gestalt.

Es ist schön, mit Literaturliebhabern zu reisen, denen Goethes „Italienische Reise“ und Gregorovius‘ „Wanderjahre in Italien“ vertraut sind, wo manchmal ein zitierter Satz schon genügt, um sich zu verständigen und eine geistige Übereinkunft zu erzielen.

Ein Höhepunkt jeder Reise in diese Region ist sicherlich eine Fahrt entlang der Amalfi-Küste, vor allem im März, wenn der Autoverkehr sich noch in erträglichen Grenzen hält. Die oft gehörten Namen von Orten, die so viele Jahre lang die vielfältigsten Vorstellungen in uns wachriefen, nun ganz konkret und unmittelbar auf Ortsschildern vor Augen zu haben, ist schon ein besonderes Erlebnis. Sich gefangen nehmen lassen von dem Zauber, den der Klang dieser Namen in uns evoziert: Sorrent, Positano, Praiano, Amalfi, Ravello, sich all der Geschichten zu erinnern, die wir im Laufe unseres Lebens über sie gelesen haben: was für ein Glück! Ist es möglich, diese Orte, von denen wir schon so Vieles wissen, noch ursprünglich zu erfahren? Wahrscheinlich nicht. Aber wenn es uns gelingt, das Vorgewusste und Angelesene mit den eigenen Eindrücken zu verbinden, entsteht vielleicht ein neues und - trotz allem - eigenes Bild davon in uns.

Auf dem Weg nach Paestum haben wir die Wasserbüffelfarm Vannulo besucht und gesehen, wie die Tiere dort weitgehend artgerecht gehalten werden. Wir haben den vorzüglichen Joghurt und den weltberühmten Mozzarella, der aus ihrer Milch gewonnen wird, probieren können und waren beeindruckt von dem Wohlgeschmack beider und auch von der Tatsache, dass die Produkte dieser Farm ausschließlich in der Direktvermarktung verkauft werden.

Die Tempel von Paestum, dem alten Poseidonia, künden von der Epoche griechischer Geschichte, von der uns Strabo berichtete. Sie sollen schöner und besser erhalten sein als alle Tempel, die man in Griechenland antreffen kann, hat man uns erzählt. Wir sind an einem warmen sonnigen Tag durch das Ruinenfeld gegangen und haben uns anrühren lassen vom Hauch einer großen und heroischen Vergangenheit.

Capri schließlich, die Schöne, wer ist nicht alles dort gewesen und hat uns erzählt von den Schönheiten dieser kleinen Insel, von den menschlichen Begegnungen und von den Tragödien, die sich dort abgespielt haben: Axel Munthe und Alfred Krupp, Rainer Maria Rilke und Stefan Andres, August Kopisch und Ernst Fries, August von Platen und William Hamilton und viele andere. Nun waren auch wir da, aber niemand wird später darüber berichten. Doch auch wir haben „die Schönheit angeschaut mit Augen....“ und während einer Bootsfahrt auf stürmischem Meer um die halbe Insel all die schönen Plätze gesehen und fotografiert, die schon so oft beschrieben worden sind. In einem Arkadenhof der Villa, die sich Axel Munthe in Anacapri bauen ließ, hat uns Martin Lösch ein Kapitel aus dem Buch „ Spaziergänge durch das literarische Capri und Neapel“ von Stefanie Sonnentag vorgelesen. Spätestens da spürten wir, dass wir mindestens eine Woche auf dieser schönen Insel sein müssten, um ihren ganz speziellen Zauber zu erfassen, der sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

Vor unserem Besuch von Pompeji haben wir zur Einführung während der Fahrt mehrere Kapitel des Hörbuches von Robert Harris‘ „Pompeji“ gehört und so ein wenig das Grauen und das Entsetzen nachempfinden können, das die Menschen am 24. August 79 nach Christus ergriffen hat, als der Vesuv völlig unerwartet ausbrach und die Stadt und alles Leben in ihr für immer auslöschte. Wir sind durch die lichtdurchfluteten Straßen von Pompeji gegangen und haben versucht, uns eine Vorstellung von dem Leben zu machen, das sie erfüllt haben mag, bevor die Katastrophe über sie hereinbrach. Aber das ist uns Heutigen wohl kaum mehr möglich.

Auf der Heimfahrt durch strömenden Regen bekamen wir noch die neapolitanischen Erzählungen von Fabrizia Ramondino zu hören, die uns in ihrer unerhört atmosphärischen Dichte noch ein anderes Neapel vor Augen führten. In unserem Etappen-Hotel in Chianciano Terme haben wir den Abschluss dieser Reise gefeiert und all die Mühe gewürdigt, die sich Martin und Ulrike Lösch und Ursula Wilfing gemacht haben, um uns die Tage so angenehm und reich an Erlebnissen wie möglich zu gestalten. Wir waren gesättigt und erfüllt von all dem Neuen, das wir erfahren haben und wir hatten das Gefühl, dass wir noch viel werden lesen müssen, um alles besser zu verstehen und – vielleicht – irgendwann noch einmal hinzufahren. Jedenfalls werden wir noch lange damit beschäftigt sein, dem nachzuspüren, was wir in Kampanien gesehen und gehört haben.

Kann man das Jubiläum einer Buchhandlung schöner feiern als wir es getan haben? Ich glaube nicht.

Gerda Münzenberg

   
 

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